BRETTERHAUS

Was bisher geschah …

J. W. Goethe, FAUST – Der Tragödie Erster & Zweiter Teil

Eine himmlische Wette
Nach einer Zueignung (einer Art Widmung, Vorwort und Ouvertüre) und einem Vorspiel auf dem Theater (bei dem u.a. über Sinn und Wesen des Theaters räsoniert wird) gibt uns Goethe einen Einblick in den Himmel, wo gerade gewettet wird: Mephistopheles holt sich vom Herrn die Erlaubnis, Faust „auf seine Straße zu führen“.

Der ruhelose Wissenschafter
In seinem Studierzimmer um Mitternacht finden wir dann Heinrich Faust, einen von Erkenntnisdrang besessenen Wissenschafter, lebensüberdrüssig ob der Einsicht, dass „wir nichts wissen können“: Der Einzelkämpfer, der herausfinden wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, ist nie und mit nichts zufrieden, findet keine Befriedigung, no satisfaction. Die durch die Osterglocken hervorgerufenen Emotionen verhindern gerade noch einmal den Selbstmord.

Der Pakt
Anderntags bietet ihm Mephisto, der sich ihm zunächst als schwarzer Pudel zugesellt und dann als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ vorstellt, einen Pakt an: Er werde Faust dienstbar sein, der „hier“ alles bekommen soll, was immer er möchte; dafür soll es „drüben“ umgekehrt sein. Seines rastlosen Strebens sicher verspricht Faust: „Werd ich zum Augenblicke sagen, Verweile doch! du bist so schön!, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!“

Nachdem Mephisto, in die Rolle des Professors schlüpfend, in einer zynisch-sarkastischen Studienberatung einen angehenden Studenten zum Narren hält, verspricht er Faust auf dessen Frage, wohin die Reise gehen soll, erst die „kleine Welt“ (Der Tragödie I. Teil) und dann die „große Welt“ (II. Teil).

Die kleine Welt: Gretchen
In der ersten, der kleinen Welt, führt er Faust in Auerbachs Keller zu Suff und Fraß (was diesen wenig reizt), um ihn dann in der Hexenküche verjüngen zu lassen. Und so folgt der Gelehrtentragödie die Gretchentragödie, denn Faust verliebt sich umgehend in ein junges Mädchen. Mithilfe der Nachbarin Marthe Schwerdtlein und eines (für Gretchens Mutter letztlich tödlichen) Schlafmittels, bringt Mephisto die beiden zusammen. „Die Liebesgeschichte eines Intellektuellen mit einer Kleinbürgerin“ (B. Brecht) verläuft durch und durch tragisch: Gretchen wird schwanger. Ihr Bruder Valentin, der Faust zur Rede stellen will, wird im Fechtkampf erstochen. Faust und Mephisto fliehen aus der Stadt. Quasi als Ablenkung führt Mephisto Faust zur (Nordischen) Walpurgisnacht auf den Brocken – eine wilde Hexenorgie, in der der Teufel sein wahres Gesicht zeigt und so richtig die Höllenglocken, hell’s bells, dröhnen läßt (während man in anderen Szenen durchaus auch mal sympathy for the devil, den „Schalk“ mit seinem Charme und Witz, empfinden könnte). Gretchen hat mittlerweile in ihrer Verzweiflung ihr neugeborenes Kind ertränkt, wurde dafür zum Tode verurteilt und erwartet nun ihre Hinrichtung im Kerker. Faust läßt sich von Mephisto zu ihr bringen, um sie zu befreien. Gretchen, dem Wahnsinn nahe, will sich jedoch lieber dem Gericht Gottes stellen und bekommt von einer „Stimme von oben“ die Bescheinigung, sie sei gerettet. Mephisto jedoch verschwindet mit Faust: „Her zu mir!“

Die große Welt: am Kaiserhof und in der klassischen Antike
Als wär nix gewesen, beginnt der 2. Teil der Tragödie in einer „anmutigen Gegend“: In einer Art Heilschlaf wird Faust von Schuldgefühlen befreit und beginnt die Reise durch die zweite, die große Welt: Hier erfindet er als Plutus, der Gott des Reichtums, zuerst am Kaiserhof das Papiergeld, womit er das wirtschaftlich daniederliegende Reich rettet, und erfüllt dann dem Kaiser den Wunsch, die klassischen Urbilder der Schönheit, Helena und Paris, erscheinen zu lassen. Dies geschieht mithilfe Mephistos Anweisung durch eine Reise in das geheimnisvolle Reich der Mütter. Besonders die schöne Helena, Idealbild der Frau, hat es Faust selbst angetan und so tritt er, im Gefolge eines künstlich erschaffenen Menschen, des Homunkulus, eine Zeitreise ins antike Griechenland an: zur Klassischen Walpurgisnacht. Er baut eine mittelalterliche Burg neben den Palast des Menelas zu Sparta, wirbt bei ihrer Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg um dessen Frau Helena und heiratet sie. Der gemeinsame Sohn – durch den Romantisch-Germanisches und Klassisch-Antikes zur Synthese verbunden werden – kommt jedoch in jugendlichem Überschwang bald zu Tode. Und mit ihm entschwindet auch seine Mutter Helena dem Faust. Mephisto, der in der antiken Welt in der Gestalt der Phorkyas (in Anlehnung an die hexenähnlichen, von Perseus bezwungenen Phorkyaden) als hässliches Gegenbild zur perfekten Schönheit aufgetreten war, bringt ihn zurück in deutsche Lande. Hier kommt Faust gerade recht, dem Kaiser gegen einen Gegenkaiser beizustehen – natürlich sind wieder Mephistos teuflisch-gewalttätige Kriegkünste im Spiel – und erbittet sich als Dank dafür Lehen am Meeresstrand.

Der Greis, sein Tod, die Einlösung des Paktes, Mephistos und Fausts Schicksal
Im letzten Akt begegnet uns Faust als Unternehmer und Kolonisator, der Meeresboden trockenlegt und so neues Land gewinnt – Freud zufolge ein Bild für Kulturarbeit. Allerdings stört ihn, den Greis in seinem Palast, eine kleine Hütte mitten auf seinem Grund und Boden, in der das alte Paar Philemon und Baucis lebt. Er will die beiden umsiedeln; Mephisto läßt sie jedoch durch Drei Gewaltige im Feuer umkommen.

Es ist wieder Mitternacht. Von Sorge geplagt, erblindet der greise Faust und blickt in sein Inneres. Er sieht sich als sozial Handelnden, dem Gemeinwohl Verschriebenen, indem er „Räume für viele Millionen eröffnet“. So kann er im Konjunktiv die Paktworte sagen: „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. – Im Vorgefühl von solchem hohen Glück genieß’ ich jetzt den höchsten Augenblick!“ Das Geklirr der Spaten, mit denen die von Mephisto herbeigerufenen Teufel bereits sein Grab schaufeln, verkennt der sterbende Faust und deutet es als Werk seiner Arbeiter, die einen Graben ausheben, um weiteres Land trockenzulegen. Mephisto aber sieht in Fausts Worten den Pakt erfüllt („Es ist vollbracht!“) und macht sein Anrecht auf Fausts Seele geltend, um die er allerdings fürchten muss, dass sie ihm nicht im letzten Moment „pfiffig weggepascht“ wird. Und genau das geschieht: Von Engeln, besonders einem „langen Burschen“, wird er abgelenkt: „Sie wenden sich. – Von hinten anzusehen! – Die Racker sind doch gar zu appetitlich.“ Währenddessen wird Fausts Unsterbliches himmelwärts entführt: So endet Mephisto als der dumme Teufel, der einer schwulen Verführung erliegt.

Von Faust jedoch erzählt uns der Engelchor, er könne erlöst werden, weil er immer strebend sich bemüht hat und an ihm die „Liebe von oben“, love divine, teilgenommen hat. Die Darstellung des Himmels am Schluss von Faust II löst Goethe, indem er uns einen durch und durch barocken Himmel vorstellt, bevölkert von Scharen von Seligen und Engeln. Und er entläßt uns mit dem Ausblick: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis, das Unbeschreibliche, hier ist‘s getan, das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“

Hier endet Goethe. Und hier beginnt Faust III.

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